Reviewer-Interview 10 – Jorge22


Unser nächstes Reviewer-Interview – inzwischen das zehnte – führt uns nach Portugal: Jorge 22 ist ein weiterer Spieler von trle.net und hat bisher mehr als 350 Reviews geschrieben.

q.: Wie bist du zu TR und den Custom Levels gekommen?
Jorge22: Auf Tomb Raider bin ich erstmals in einem Laden gestoßen, wo der gerade erschienene Teil “The Last Revelation” auf einem Computerbildschirm abgespielt wurde. Da ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts mit Computerspielen zu tun hatte, dachte ich mir auch nicht viel dabei. Eines Tages kaufte ich dann eine Zeitschrift, auf deren beigelegter CD sämtliche Tomb-Raider-Demos waren, und ich war völlig erstaunt über diese Erfahrung, obwohl ich die Steuerung des Spiels anfangs als sehr schwierig empfand. Ich beschloss daher, “The Last Revelation” zu kaufen. Aber weil sie es nicht mehr vorrätig hatten, nahm ich stattdessen Tomb Raider 3 – und liebte jeden Augenblick darin, obwohl ich noch Anfänger war und auf die Hilfe der gerade erst entdeckten, recht nützlichen Webseite mit Stella’s Walkhroughs angewiesen war. Es ist seitdem immer noch mein Lieblingsspiel, gefolgt von TR 2. Dem Level Editor, der mit “Der Chronik” herrauskam, schenkte ich wenig Aufmerksamkeit, weshalb ich erstmals im Eidos Forum von den Custom Levels hörte. Piegas “The Last Crusade” – ohne die Audiodateien und mit einer exe-Datei – war der erste Custom Level, den ich gespielt habe. Mit dem Modem, das ich damals besaß, dauerte der Download Stunden, weshalb ich mich mit Custom Levels noch nicht so recht anfreunden konnte. Vielmehr begann ich mit dem Spielen dieser Level ein wenig später, nachdem ich Michael Prager’s Site gefunden hatte und meine Internetverbindung bereits schneller geworden war.

q.: Seit wann spielst du Custom Levels?
Jorge22: Oh, da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht seit 2002 oder so.

q.: Was gefällt dir ausgerechnet an TR?
Jorge22: Die “neuen” TR-Spiele mag ich eigentlich gar nicht. Ich habe zwar nur die Demos gespielt, doch ich denke, es fehlt ihnen an allem, was Tomb Raider gewöhnlich hatte. Und auch die Steuerung ist viel schlechter, obwohl sie gewissermaßen vereinfacht wurde. Beispielsweise begann Lara sich bereits in “The Angel of Darkness” wie eine animierte Figur zu bewegen – was sie ja ist, ich weiß. Doch lassen wir es dabei. Was ich an den alten TR-Spielen mag und an vielen wunderbaren Dingen, die Levelbauer mit dem Editor zustandegebracht haben, sind in einfachen Worten: die Atmosphäre, die einfache und präzise Steuerung sowie die Vielfalt der Schauplätze. Außerdem bin ich sie gewohnt und sie sind daher einfach zu spielen, wenn ich mich auch manchmal in einer Situation befinde, wo ich mir die Haare ausreiße bei bestimmten Custom Levels, wenn die bisweilen so furchtbar schwierig sein können und ich mich nicht in den Kopf des Autors hineinversetzen kann.

q.: Welche Spiele magst du außerdem?
Jorge22: Verschiedene, aber nicht allzu viele. Die meisten finde ich langweilig. Was mir wirklich gefällt, sind die “Max Payne”-Spiele, “Return to Castle Wolfenstein”, obwohl der Schlussteil so gut wie unmöglich ist, weiterhin “Omikron”, “American McGee’s Alice”, “Mafia”, das erste “Call of Duty” und die “Broken Sword”-Serie. Also ziemlich unterschiedliche, doch allesamt exzellente Spiele. “Omikron” zum Beispiel ist großartig und meines Erachtens völlig unterbewertet, aber wie ich hörte, wird an einer Fortsetzung gearbeitet… Ich hoffe, es stimmt.

q.: Was ist beim Spielen von TR und Custom Levels für dich das Wichtigste?
Jorge22: Am wichtigsten ist es, durchzukommen und möglichst viel davon zu haben. Die Gegner sind in TR nicht so wichtig, eher eine Art Ablenkung, mit Ausnahme des Endgegners in TR 2 oder der Hauptgegner in TR 3, allen voran der Spinnenmutant am Schluss. Die Rätsel, sofern nicht zu schwierig, sind großartig, und die Atmosphäre ist von fundamentaler Bedeutung. Und obwohl ich kein großer Secrets-Sucher bin, vermittelt das Erlebnis, sie zu finden, mir immer wieder das Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben.

q.: Verwendest du Cheats oder sonstige “Spielbeschleuniger”?
Jorge22: Auf keinen Fall. Mogeln zerstört das Spiel. Doch ich gestehe, DOZY ein paar Mal benutzt zu haben, wenn mir der Level zu schwierig war und ich ihn trotzdem beenden wollte. Aber das zerstörte das Spielerlebnis…

q.: Suchst du Hilfe in Foren?
Jorge22: Sicher, denn dazu sind Foren ja da. Und unter Berücksichtigung des hohen Schwierigkeitsgrads vieler Level muss ich das manchmal auch.

q.: Wann und wie oft verwendest du Walkthroughs?
Jorge22: Oh, sehr selten. Doch aktuell spiele ich gerade die riesige “Quest of Gold”-Saga von TC14 – und ja, ich gebe es zu, an Stellen, wo es einfach zu konfus werden kann, muss ich einen Blick in den Walkthrough werfen.

q.: Wie bewertest du für dich Geschicklichkeit und Ausdauer?
Jorge22: Wenn das Spiel mich nicht langeweilt, bin ich ausdauernd. Oder auch in den wenigen Fällen, wenn ich dickköpfig bin. Was ich zu meiner Geschicklichkeit sagen soll, weiß ich allerdings nicht. Ich hatte noch nie die Möglichkeit, mich mit einem anderen guten Spieler zu messen. Doch ich schätze, ich bin gut genug.

q.: Wie hoch würdest du deine Frustrationstoleranz einschätzen?
Jorge22: Das hängt von der Situation ab. Einige der besten Level können bekanntlich äußerst frustrierend sein, besonders im Sinne von: Was zur Hölle habe ich hier zu suchen! Und doch spiele ich sie bis zum Ende. Kann sein, dass ich über eine große Frustrationstoleranz verfüge…

q.: Stellst du dich Zeitaufgaben und schwierigen Sprüngen oder brichst du deshalb Level ab?
Jorge22: Eigentlich mag ich Zeitaufgaben, sofern der Autor klar darauf hinweist, was im konkreten Fall zu tun ist. Alles andere ist gemein und unprofessionell, auch wenn Custom Levels primär keine professionelle Ambition besitzen. Ich mag sogar die härtesten Zeitaufgaben und es gibt mir ein schönes Erfolgserlebnis, wenn ich sie gemeistert habe. Bei schwierigen Sprüngen kommt es darauf an. Sie sind zwar nicht so mein Ding, aber ich nehme sie in Kauf und gebe zu, dass manche dieser Sprungsequenzen das Spiel durchaus aufwerten können. Doch wenn du “japanische” Sprünge und Spielideen meinst wie etwa in “CIL” oder “Autumn”, nein, dafür habe ich weder die Geduld noch bewirken sie in mir den nötigen Nervenkitzel.

q.: Welche Rolle spielt eine zugrunde liegende Geschichte bzw. die Dramaturgie der Spielhandlung?
Jorge22: Zugegeben, ich lese normalerweise nicht die Geschichte, wenn es denn eine gibt. Ja, ich denke schon, dass es eine Rolle spielt – aber in einem Spiel wie TR vermutlich etwas weniger als zum Beispiel in “Max Payne” oder “Mafia”.

q.: Wann hast du mit dem Schreiben von Reviews angefangen und was waren deine Motive?
Jorge22: Ich begann mit dem Schreiben von Reviews bald nachdem ich Mitglied von TRLE wurde. Ich dachte, vielleicht etwas zu sagen zu haben – so einfach ist das.

q.: Reviewst du jeden gespielten Level oder nur ausgewählte?
Jorge22: Früher reviewte ich jeden gespielten Level, heute aber nur noch die besten oder solche, die mir auf irgendeine Weise interessant zu sein scheinen – was auch interessant im schlechtesten Sinne bedeuten kann.

q.: Richtet sich dein Review eher an die Levelbauer oder an die Spieler?
Jorge22: An beide. Ein Review kann gleichsam überaus wichtig für einen Levelbauer sein wie auch ein nützlicher Führer für den Spieler.

q.: Wie weit willst und kannst du deiner Meinung nach persönliche Vorlieben und Eindrücker dem Kriterium Objektivität unterordnen? Kann ein Review deiner Meinung nach überhaupt objektiv sein oder bekennst du dich zu Subjektivität?
Jorge22: Jedes Review ist gewissermaßen objektiv und subjektiv zugleich. Ich versuche objektiv zu sein, doch drückt ein Review stets auch meine persönliche Meinung aus sowie den Eindruck, den ein Spiel auf mich gemacht hat. Darüber hinaus entsteht der Eindruck aus einem bestimmten Augenblick.

q.: Bist du mit deinen geschriebenen Reviews zufrieden oder würdest du, wenn du könntest, nach Wochen oder Jahren diese ändern?
Jorge22: Sie sind in Ordnung. Sie drücken meine Gedanken während einer bestimmten Zeit aus. Es besteht kein Grund, die Vergangenheit zu ändern.

q.: Hast du auch im Real Life etwas mit Schreiben zu tun?
Jorge22: Ich habe ein Buch mit Kurzgeschichten geschrieben und veröffentlicht und einen Roman geschrieben. Und hunderte von Gedichten in einem Lyrik-Blog (in portugiesischer Sprache) veröffentlicht, der bald sein 4-jähriges Jubiläum feiert und hauptsächlich von Besuchern aus Portugal, Spanien, Brasilien und Chile frequentiert wird. Außerdem schrieb ich sämtliche Texte zu meinen vielen Liedern, bevor ich damit aufhörte, weil es zu wenige Zuhörer gab. Denn ich wurde es leid, für nichts zu arbeiten. Und ich arbeitete über zehn Jahre lang als Journalist… Das heißt, ich hatte eine ganze Menge zu schreiben!

q.: Liest du Bücher? Wenn ja, welche Art von Literatur bevorzugst du?
Jorge22: Natürlich lese ich und zwar immer. Ich fühle mich zu Büchern hingezogen, die mich an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit führen. Und auch zu mancher Poesie – in der Tat war eines meiner Lieblingsbücher zu der Zeit, als ich es las, die “Petits Poemes en Prose” von Baudelaire. Weitere Lieblingsdichter sind Fernando Pessoa und seine Heteronyme sowie der Brasilianer Manuel Bandeira. Unter den Romanschriftstellern bevorzuge ich Hemingway, den im 19. Jahrhundert lebenden Portugiesen Eça de Queirós, Somerset Maugham und einige andere. Oder auch etwas leichtere aber immer noch hervorragende Bücher wie die vom Steven Saylor.

q.: Wie alt bist du?
Jorge22: 45, im Dezember 46. Too old to rock’n roll, too young to die.

q.: Welchen Beruf übst du aus?
Jorge22: Ich bin Hochschullehrer und unterrichte Französisch und Portugiesisch. Etwas langweilig, ich weiß, aber du hast eine Arbeit zum Leben. Ich bin auch Übersetzer, wenn es sich zufällig ergibt.

q.: Jorge22, vielen Dank für Deine Mitarbeit!

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