Reviewer-Interview 4 – Phil

Im vierten Interview unserer Serie stellen wir einen weiteren Reviewer von trle.net vor: Phil Lambeth aus North Carolina/USA hat inzwischen mehr als 560 Custom Levels reviewt.
q.: Wie bist du zu TR und den Custom Levels gekommen?
Phil: Ich hatte schon eine Weile lang Spaß mit etlichen der alten DOS-Spiele wie Duke Nukem, Doom, Wolfenstein, Heretic oder Blood, die ich immer wieder spielen konnte, ohne dass ich ihrer wirklich überdrüssig geworden wäre. Über das originale Tomb Raider las ich zwar in einem Spielemagazin, doch einen Grund, es gleich auszuprobieren, sah ich noch nicht. Dann entdeckte ich es eines Tages bei den Sonderangeboten und ich dachte mir: Warum nicht? Die neuen Bewegungen wirkten auf mich zunächst abschreckend und es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich an die Spielweise gewöhnt hatte. Doch als ich mir dann erstmal ein gewisses Maß an Fertigkeit erworben hatte, wurde ich von schierer Begeisterung gepackt – und seitdem kehrte ich nie wieder zu den DOS-Spielen zurück. Die kommerziellen TR-Veröffentlichungen, von denen ich jede einzelne mehrere Male gespielt hatte, kannte ich bereits in- und auswendig, als ich von der Custom-Level-Community im Internet erfuhr – und der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte.
q.: Seit wann spielst du Custom Levels?
Phil: Etwa seit 2002. Ich erinnere mich noch an den allerersten Custom Level, den ich spielte: River of the Sacred Beetle von Theresa Jenne.
q.: Was gefällt dir ausgerechnet an TR?
Phil: Für mich ist die Vielfalt der Schauplätze das Reizvollste an TR. Und obwohl die Gegner und die Bewegungen und zum Teil auch die Rätsel immer recht ähnlich sind, habe ich bei jedem Level, den ich gespielt habe, den Eindruck, dass er etwas erfrischend Neues beinhaltet.
q.: Welche Spiele magst du außerdem?
Phil: Darauf habe ich bereits bei der ersten Frage geantwortet. Hin und wieder kehre ich aus Nostalgiegründen zu dem einen oder anderen meiner alten DOS-Favoriten zurück, doch die neuen Spiele interessieren mich überhaupt nicht. Ich bin damit zufrieden, TR als das für mich einzige Computerspiel zu erklären – mit Ausnahme der wenigen Minuten, in denen ich mit Hearts oder Solitaire einfach nur die Zeit totschlage.
q.: Was ist beim Spielen von TR und Custom Levels für dich das Wichtigste?
Phil: Wenn ich ganz ehrlich sein will, würde ich antworten: Es ist die völlige Befriedigung, welche das Spielerleben mit sich bringt. Das Bestreben, ohne ein Medipack durch einen Level zu kommen, oder zu sehen, wie schnell das Levelende erreicht werden kann, sind für mich absolut unbedeutende Überlegungen. Ich möchte lediglich eine gute Zeit haben und dies gelingt auch mit den meisten Leveln.
q.: Verwendest du Cheats oder sonstige “Spielbeschleuniger”?
Phil: Ja, das tue ich, und zwar reichlich und ohne Schamgefühl. Für mich sind die Gegner eine unnötige Ablenkung, weshalb ich ständig im “Gott-Modus” spiele; somit bin ich unverwundbar bei feindlichen Angriffen und kann auch nicht ertrinken. Allerdings schützt mich dieser Modus nicht vor Lava, tödlichen Fallen, giftigem Wasser oder Stürzen aus großer Höhe, so dass ich jederzeit aufmerksam sein muss. Außerdem nutze ich bedenkenlos den Flycheat, wenn ich nach einer angemessenen Zahl von Versuchen (die mit den Umständen variiert) der Meinung bin, einen schwierigen Sprung oder eine Zeitaufgabe nicht bewältigen zu können. Ich weiß, dass viele Puristen dieser Philosophie nicht zustimmen, doch ich spiele zu meinem eigenen Vergnügen – schließlich ist es nur ein Spiel! Ich wetteifere mit niemanden, niemand guckt mir über die Schulter und ich verwende derartige Methoden nicht, um im wirklichen Leben voranzukommen.
q.: Suchst du Hilfe in Foren?
Phil: Nicht mehr so oft wie früher, weil ich normalerweise erst einen Level spiele, wenn dafür ein Walkthrough verfügbar ist. Wenn ich festhänge, habe ich weder die Zeit noch die Geduld, um in einem Hilfe-Thread zu posten und darauf zu warten, bis irgendwer antwortet, zumal eine solche Antwort, sofern sie kommt, mehr oder weniger hilfreich sein kann.
q.: Wann und wie oft verwendest du Walkthroughs?
Phil: Zur Zeit eigentlich ausnahmslos; es sei denn, ich spiele einen Level genau zu dem Zweck, selbst einen Walkthrough zu schreiben.
q.: Wie bewertest du für dich Geschicklichkeit und Ausdauer?
Phil: In Anbetracht dessen, was ich schon über meine Spielphilosophie verraten habe, sollte es keine Überraschung mehr sein, wenn ich sage, dass meine Geschicklichkeit und Ausdauer bei TR bestenfalls durchschnittlich sind.
q.: Wie hoch würdest du deine Frustrationstoleranz einschätzen?
Phil: Sagen wir es so: Man hat mich schon gelegentlich auf die Tastatur einschlagen sehen. Freilich habe ich mich bis jetzt noch zurückgehalten, den Bildschirm mit einem schweren Gegenstand zu zertrümmern oder ihn aus dem Fenster zu schmeißen.
q.: Stellst du dich Zeitaufgaben und schwierigen Sprüngen oder brichst du deshalb Level ab?
Phil: Zum Teil habe ich diese Frage bereits beantwortet. Ich bemühe mich fair zu einem Levelbauer zu sein, solange ich das Gefühl habe, dass er oder sie fair zu mir ist. Ich würde jedoch nicht zögern, eine problematische Stelle durch Mogeln zu umgehen, nachdem ich eine angemessene Summe an Zeit und Energie zu deren Lösung aufgebracht habe. Nur in ganz wenigen Fällen taugten die erhältlichen Mogel-Tools, soweit ich mich erinnere, nicht zu diesem Zweck, weshalb ich selten einen Level wegen “Spielstillstands” in die Mülltonne befördern muss.
q.: Welche Rolle spielt eine zugrunde liegende Geschichte bzw. die Dramaturgie der Spielhandlung?
Phil: Fast keine. Da die Aufgaben im Wesentlichen dieselben und von Level zu Level bloß unterschiedlich verpackt sind, schenke ich irgendwelchen vermeintlichen “Handlungsfäden” keine Aufmerksamkeit. Es gibt sicherlich Ausnahmen, doch zum überwiegenden Teil spiele ich lediglich das Spiel und versuche das zu genießen, was im Augenblick um mich herum vorgeht.
q.: Wann hast du mit dem Schreiben von Reviews angefangen und was waren deine Motive?
Phil: Ich glaube, mein erstes Review geschrieben zu haben, nachdem ich mich einige Monate lang bei trle.net eingewöhnt hatte. Dieses erste Review war für CPU Crash (von Richard Lawther) und ich war derart begeistert, dass ich die volle 10er-Wertung vergab. In meinen nachfolgenden Reviews wertete ich ähnlich hoch und ich erinnere mich, dass ich von Michael wegen meiner allzu freigiebigen Punktvergabe ein bisschen gerügt worden bin. Gerade erst sah ich meine Statistik wieder an, wobei mir auffiel, dass auch heute noch meine durchschnittliche Wertung weit über 8 liegt. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Erstens beeindruckten mich Custom Levels schon von Anfang an und ich bin der Ansicht, dass es unter ihnen nur sehr wenig wirklich schlechte Level gibt. Zweitens spiele ich in der Regel nur solche Level, die von der Community bereits positiv aufgenommen worden sind. Mir ist dabei klar, dass sich diese beiden Gründe gegenseitig zu widersprechen scheinen, aber bei einer Auswahl von weit über 1000 Leveln kann ich es mir leisten, wählerisch zu sein.
q.: Reviewst du jeden gespielten Level oder nur ausgewählte?
Phil: Anfangs reviewte ich nur solche Level, die mir aus dem einen oder anderen Grund besonders gut gefielen. Inzwischen aber versuche ich jeden gespielten Level zu reviewen – allein aus dem eigennützigen Grund, um einen bessere Übersicht über die schon gespielten Level zu haben, denn so muss ich nach ein paar Jahren nicht erneut downloaden und anspielen, um erst dann festzustellen, dass ich den schon kenne!
q.: Richtet sich dein Review eher an die Levelbauer oder an die Spieler?
Phil: In Anbetracht dessen, dass ich nie versucht habe, einen Level zu bauen, und ich auch den Fachjargon nicht spreche, sind meine Reviews völlig Spieler-orientiert. Wenn mir aber etwas nicht an einem Level gefällt, denke ich es dem Levelbauer schuldig zu sein, ihn oder sie davon in Kenntnis zu setzen. Beispielsweise habe ich den Ruf erworben als einer, der wenig Geduld mit dunklen Leveln hat, und da viele der neuen Levels zu dunkel sind (ob die Levelbauer nun mit meiner Beurteilung übereinstimmen oder nicht), kritisiere ich in vielen meiner Reviews die unangemessene Beleuchtung.
q.: Wie weit willst und kannst du deiner Meinung nach persönliche Vorlieben und Eindrücker dem Kriterium Objektivität unterordnen? Kann ein Review deiner Meinung nach überhaupt objektiv sein oder bekennst du dich zu Subjektivität?
Phil: Ein Review ist per definitionem eine subjektive Bewertung. Weil ich nichts von der Arbeitsweise des Level Editors verstehe, bin ich auch nicht kompetent für solche “objektiven” Kriterien wie Texturen etc. Daher lasse ich es ganz bleiben und überlasse diese Punkte anderen. Ich beschränke mich darauf, das zu kommentieren, was ich beim Spielen des Levels erfahren habe. Ob es zu schwer oder zu leicht war, zu dunkel oder langweilig, ob es Spaß machte oder eine Qual war und ähnliche Dinge. In meinen Augen wäre der Versuch, das Konzept eines objektiven Reviews zu entwickeln, geradezu albern. Zwei unterschiedliche, aber vernünftige Menschen können den gleichen Level als vernünftig begründet wundervoll oder als vernünftig begründet schrecklich empfinden. Aber, so wie Sahne dazu neigt, nach oben zu steigen, so neigen die besseren Level auch zu höheren Gesamtnoten.
q.: Bist du mit deinen geschriebenen Reviews zufrieden oder würdest du, wenn du könntest, nach Wochen oder Jahren diese ändern?
Phil: So wie die meisten anderen auch mache ich in meinen Reviews dumme typografische Fehler, die ich am liebsten ändern würde, doch zum überwiegenden Teil drücken fast alle Reviews genau das aus, was ich zu diesem Zeitpunkt gedacht habe und was ich heute auch wieder denken würde. Über Aussagen in manchen frühen Reviews (und Walkthroughs), als ich noch ein gänzlich unerfahrener Spieler war, kann ich inzwischen lächeln, denn im Laufe der Jahre habe ich mir nun doch ein gewisses Können angeeignet, so dass ich manches sicher anders formulieren würde.
q.: Hast du auch im Real Life etwas mit Schreiben zu tun?
Phil: Ich liebe es zu schreiben und habe im Laufe der Jahre einige Kurzgeschichten geschrieben. Als praktizierender Anwalt hatte ich meinen Argumentationsstil beim Verfassen juristischer Schreiben schärfen müssen, und ich genoss es, wenn solchen Bemühungen ein gewisser Erfolg beschieden war. Je älter ich allerdings werde, desto mehr neige ich zu der Ansicht, dass das Schreiben von Walkhroughs zu Custom Levels anstrengend genug für mich ist, danke schön.
q.: Liest du Bücher? Wenn ja, welche Art von Literatur bevorzugst du?
Phil: Die meiste Zeit meines Lebens wurde ich als Bücherwurm bezeichnet. Meine erste Liebe als Jugendlicher galt Science fiction und sogar heute noch habe ich eine Bibliothek mit vielen tausend Taschenbüchern und Zeitschriften, wovon ich von Zeit zu Zeit “koste”. Außerdem lese ich manche zeitgenössische Romane (ich liebe die Harry-Potter-Reihe, ganz zu schweigen von Grisham, Crichton, Clancy u.a.), doch seitdem ich 1982 Christ wurde, machte ich es mir zu einem Anliegen, viele christliche Werke zu lesen in Verbindung mit regelmäßigem Bibelstudium.
q.: Wie alt bist du?
Phil: Das geht dich nichts an.
Nein, inzwischen bin ich 62.
q.: Welchen Beruf übst du aus?
Phil: Ich bin Anwalt, was für viele Leute bedeutet, Stehlen ist mein Beruf. Wie auch immer, ich bin zufrieden damit und der Beruf hat mich nicht von viel wichtigeren Dingen im Leben abgehalten.
q.: Phil, ich bedanke mich ganz herzlich für deine Mitarbeit.






