Previewing the reviewers


Es gehört zu den in regelmäßigen Abständen und in schönster Unregelmäßigkeit wiederkehrenden Ritualen im Forum, mal in diesem Zusammenhang, mal in jenem: Da beklagen sich Levelbauer direkt oder indirekt, schüchtern oder sogar aggressiv über die Spieler. Ja, die sonderbare, unbekannte Spezies der Spielerinnen und Spieler, die diesen oder jenen Level nicht angemessen zu schätzen wissen, weil sie dazu entweder zu doof oder zu unerfahren oder zu abgehärtet oder zu voreingenommen sind. Weil sie die Arbeit der Levelbauer nicht gebührend zu schätzen wissen. Weil sie sowieso von nichts eine Ahnung haben, weil sie ja selbst nicht bauen. Weil sie sich auch noch erfrechen, schriftlich (in Reviews) zu kritisieren und zu bewerten, was eine wie auch immer geforderte Lara Croft in einem mehr oder weniger an klassisches Tomb Raider angelehnten Custom Level zu bewerkstelligen hat.

Was ist also der genehme Spieler/Kritiker? Ein Niemand, der schon beim Starten des Levels vor Ehrfurcht erzittert, sich beim Spielen kritiklos vom orgiastischen Schüttelfrost durch das mehr oder minder erfreuliche Levelgeschehen manövrieren lässt? Und am Ende geläutert sich vor der schier göttlichen Leistung des Levelbauers verneigt oder, wenn dies aus diesem oder jenem Grunde mal nicht möglich sein sollte, zumindest den gnädigen Mantel des Schweigens hernieder schweben lässt?

Ja, ich bekenne: Das ist ein bisschen arg übertrieben. Ein bisschen. So ganz und gar aber nicht. Denn in anderen Bereichen, wo kreative Arbeit sich der Kritik stellt, scheint offenbar mit anderem Maß gemessen zu werden. Was wäre das für ein Literaturkritiker, der in seiner Rezension berücksichtigen würde, dass der Autor zumindest mal des Schreibens mächtig war? Oder was für eine Lachnummer wäre der Musikkritiker, der die dilettantische Leistung eines Pianisten mit der Bemerkung beschönigt, immerhin habe er ja die weißen von den schwarzen Tasten zu unterscheiden gewusst? Ja ja, schon wieder Übertreibungen… Aber wenn Levelbauer erwarten, dass die investierte Arbeitszeit bitteschön mitberücksichtigt werden sollte bei einer Bewertung, dann ist das keine Übertreibung?

Doch lassen wir mal den guten Mephisto verschnaufen. Denn dass es Reviewer gibt, die selbst keine Level bauen oder getätigte Bauversuche (wer weiß das schon?) fest in einem fernen Winkel ihres Rechners eingemauert haben, aber dennoch offen und engagiert die Arbeiten der Levelbauer in schriftlicher Form zu würdigen wissen, kann jeder, der will, erfahren, wenn er vielleicht mal einen Blick in die entsprechenden Seiten bei LB und trle.net riskiert und sich die Mühe macht, ein paar Dutzend Reviews zu lesen. Belohnt würde diese Mühe nämlich alsdann mit der Erkenntnis, dass die überwältigende Mehrzahl solcher Spieler-Reviews von einer Ausgewogenheit geprägt ist, welche sehr wohl zwischen Würdigung der Levelbauer und informativer Kritik für die Spieler zu vermitteln weiß.

Unvermeidlich taucht in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Fetisch Objektivität auf. Bringen wir es ohne Umschweife auf den Punkt: Objektive Kritik und Bewertung gibt es nicht. Es gibt allenfalls eine Kritik, die vorgibt, objektiv zu sein bzw. sich redlich vergeblich darum bemüht, doch eine solche Kritik ist ein anderer Begriff für pure Langeweile. Im Umkehrschluss: Kritik ist immer subjektiv und eine gute Kritik bekennt sich zu dieser Subjektivität. Und hilfreich für Bauer wie Spieler ist Kritik stets, wenn sie fair ist: Fair sowohl in ihrer Intention als auch in ihrer Formulierung. Dabei sind Stilmittel wie Ironie und Sarkasmus ohne weiteres legitim – und wer diese in Frage stellt, muss jede Form des kritischen Schreibens in Frage stellen. Denn beim Schreiben sich stets die Leser vorzustellen, wäre für das Denken schon Stachelfalle genug. Sich dann aber auch noch (als eine Spielart von vorauseilendem Gehorsam) alle denkbaren Arten von Eitelkeit und Mimosenhaftigkeit vorzustellen, wäre nur noch “Game over” – Absurdistan lässt grüßen!

Tomb Raider ist ein Spiel. Und ein Spiel will nicht nur konstruiert, nein, es will gespielt werden – von ganz und gar nicht virtuellen Spielerinnen und Spielern aus Fleisch und Blut. Auch Levelbauer spielen und reviewen Level anderer Levelbauer, was sie aber zwangsläufig aus einem anderen Blickwinkel heraus tun, der trotz fachlichen Wissens und Fachjargons auch nicht objektiver ist. Die Qualität eines Spiels kann sich aber nun nicht allein am praktischen Erfahrungsschatz der selbst bauenden Spieler messen lassen, sondern muss auch das subjektive Empfinden der Nur-Spieler über sich ergehen lassen. Hier unterscheidet sich die Levelbaukunst von keiner anderen Kunst oder keinem anderen Kunsthandwerk. Perfektion allein genügt nicht – die Perfektion will auch als solche erkannt werden und zwar mit dem Verstand UND mit dem Gefühl.

Daher habe ich bewusst einige erfahrene Reviewerinnen und Reviewer ausgesucht, die selbst noch keine Level gebaut haben, um sie in Interviews nach ihren spielerischen Beweggründen und ihren Bewertungskriterien zu befragen. Um ein möglichst breites Spektrum zu erfassen, habe ich Mitglieder von beiden großen Tomb Raider Communities, nämlich der Levelbase und trle.net um Teilnahme gebeten. Auf diese Weise kommen also gleichberechtigt Spielerinnen und Spieler zu Wort, deren Kritiken sich zwar nach unterschiedlichen Bewertungssystemen richten, deren Verständnis von Spiel und Kritik aber ein auffallend hohes Maß an Gemeinsamkeiten aufweist, was die folgenden Interviews zeigen werden.

Zum Abschluss noch eine kurze Bemerkung zur Methodik: Ich habe die gleich Anzahl von Reviewern der LB und von trle.net fast zeitgleich schriftlich um Teilnahme an der geplanten Interview-Serie gebeten und nach positiver Rückmeldung dann an alle den gleichen Fragenkatalog (in deutscher und englischer Sprache) geschickt, welcher schriftlich beantwortet werden musste. Da es mir um eine möglichst authentische Beantwortung der Fragen ging, hatte somit niemand Gelegenheit, die Antworten der anderen Befragten kennen zu lernen. Herausgekommen ist schließlich eine, wie ich finde, überaus aufschlussreiche Interview-Serie mit interessanten Menschen aus Deutschland, Österreich, Niederlande, Griechenland, England, Portugal, Norwegen und den USA, welche hier in den kommenden Wochen veröffentlicht wird.

Ganz herzlich bedanken möchte ich mich schließlich für die freundliche Bereitschaft aller Teilnehmenden, dass sie spontan und offenherzig bei der Befragung mitgemacht und ihre Zeit für deren Beantwortung zur Verfügung gestellt haben! Für mich war es eine schöne Erfahrung zu sehen, wie bereitwillig Spielerinnen und Spieler von LB und TRLE an diesem Brückenbau mitgearbeitet haben. Vielleicht kann es ja ein Anstoß sein, dem noch einige folgen können.

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6 Antworten zu “Previewing the reviewers”

30 08 2008
Sue-Ellen (12:17:14) :

Vielen Dank quetzalcoatl für diesen interessanten Bericht.
Ich persönlich gehöre zu den begeisterten Levelspielern, die aber absolut keine Ahnung vom Levelbau haben! Das ist auch der Grund, warum ich selbst noch nie ein Review zu einem Level geschrieben habe. Ich könnte nur sagen, dass er mir optisch und der Rätsel wegen gefallen hat oder nicht, eine Kritik hingegen muss man ja begründen können und das kann ich als Nichtlevelbauer leider nicht. Es fehlt mir einfach das Wissen um den LE.
Liebe Grüße Sue-Ellen

30 08 2008
Eva (20:47:28) :

Das klingt nach einem interessanten Projekt, auf das ich gespannt bin..

Allerdings verstehe ich nicht so recht, wie du zu der Auswahl der zu Befragenden gekommen bist…
Sollten also Menschen die Level bauen von den Reviews ausgeschlossen werden?
Ist das in der Literatur auch so, dass Autoren grundsätzlich nicht Kritiker sein dürfen ;)

Ich bin ja in der glücklichen Lage, jetzt beide Seiten beurteilen zu können… vielleicht solltest du zumindest eine zweite Serie von Befragungen ins Auge fassen, allein schon um der Ausgewogenheit willen :) Denn einst steht fest: jemand der selber gebaut hat reviewt ganz sicher völlig anders als ein *Nur Spieler*

Ich bin sehr gespannt auf die kommenden Artikel.

1 09 2008
quetzalcoatl (00:02:35) :

Danke für Eure Kommentare.
@ Sue-Ellen, wenn Dir etwas gefallen oder missfallen hat und Du dies begründen kannst, dann ist dies meiner Meinung nach bereits eine Kritik; dass dies durchaus ausreichend ist, werden auch die folgenden Interviews aufzeigen. Und es war meine Absicht, Spielerinnen und Spielern, die selbst nicht bauen, Mut zu machen, ihre Gedanken und Gefühle zu einem Custom Level anderen Menschen mitzuteilen.

@ Eva: Gute Fragen! Die Antwort an Sue-Ellen beinhaltet auch einen Teil Deiner ersten Frage. Die zweite muss ich mit einem klaren Nein beantworten: Levelbauer sollen (und dürfen) nicht von Reviews ausgeschlossen werden. Das wäre absurd und steht auch nirgendwo geschrieben! Du hast völlig Recht: Bauer urteilen nach anderen Kriterien als Nur-Spieler und Autoren (um Dein Beispiel aufzugreifen) schreiben oft viel schärfere Kritiken als Nur-Leser. In beiden Fällen vermag das fachliche Wissen vor allem das Handwerkliche zu sezieren und gewinnt somit eine gewisse Autorität. Ob aber diese Autorität ausreicht, auch die über die handwerklichen Aspekte hinausgehenden Kriterien (hier: Atmosphäre, Originalität, Dramaturgie) zu erfassen oder ob dies Nur-Spielern ebenso oder sogar besser möglich ist, soll zumindest einmal gefragt werden dürfen.
Deshalb wollte ich bewusst Nur-Spieler zu Wort kommen lassen – zunächst einmal… denn eine zweite Serie mit selbst bauenden Reviewern könnte vielleicht notwendig werden… zunächst aber werden die folgenden Interviews in mancher Hinsicht vielleicht überraschende Einblicke bieten…

2 09 2008
Minerva (11:06:31) :

Schöner Artikel quetzalcoatl!

Ich verstehe die Spieler nicht, die sich nicht trauen Kritiken zu schreiben. Zum einen würde ich mir, wenn ich Levelbauer wäre, Kritik wünschen und zwar so viel wie möglich. Immerhin ist das eine Form der Anerkennung, auch wenn sie nicht rein positiv ausfällt.

Zum zweiten kann ein “Nur-Spieler” in den meisten Punkten ebenso gut kritisieren wie ein Levelbauer: Beleuchtung, Texturierung, Gameplay, Sound…kann ein “Nur-Spieler” da nicht zu sagen? Hat doch auch Augen im Kopp ;-)
Und auch Danke sagen kann jeder, dafür, dass der Levelbauer sich Mühe gegeben hat (was zu hoffen ist) und das Level mit anderen teilt.

2 09 2008
Doro (18:40:40) :

Jaaa, quetzalcoatl, da hast Du uns eine spannende Interview-Reihe ja schon mal richtig schön schmackhaft gemacht!
Besonders froh bin ich darüber, dass Du die Reviewer von trle.net gleichermaßen mit einbezogen hast. Die Verständigung mit unserer Schwester-Seite kann gar nicht genug gefördert werden. Und ich muss gestehen, dass ich beim Spielen oft zuerst Hilfe in den Reviews und Walkthroughs auf trle.net gefunden habe.

Upps, das darf ich ja noch gar nicht verraten – aber, Du hast einen so tollen, raffinierten Fragenkatalog zusammengestellt, dass man durchgehend merken konnte, dass die Interviewten richtig Spaß beim Beantworten der Fragen hatten.

25 07 2010
Laras Levelbase New Tribune » Reviewer-Interviews 14 – Zickenalarm (14:30:54) :

[...] dem vierzehnten und vorerst letzten Interview unserer Serie, die vor 3 Monaten mit Previewing the reviewers begonnen hat, stellen wir eine bemerkenswerte Levelbase-Reviewerin und Blog-Kollegin aus [...]

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