Tomb Raider – Fans und Fantasien


Es war einmal …
… eine im Grunde ziemlich simple Spielidee: die Materialisierung, wenn auch nur virtuell (anfangs jedenfalls…), eines absolut banalen Gut-Böse-Schemas – diesmal in Form zeitechter Aktion aus der Ich-Perspektive. Winnetou, Lederstrumpf & Co. besetzten die Nischen in nostalgischen Erinnerungskellern, also musste was anderes her…

Es war einmal …
… ein ziemlich ungewöhnliches Fantasiewesen namens Lara Croft mit überdimensionierten Weiblichkeitsattributen, damit auch wirklich jeder begriff, dass hier keine neue Sissi, Heidi oder Sabine Christiansen das Parkett medialer Omnipotenz betrat. Es wurde aber zugleich auch die prüdere Spielerschaft bedient, denn jene Fantasiefigur ist kaum weniger stilisiert wie die Venus von Milo und eignet sich nicht wirklich als Ersatz für die mit Gaußchem Weichzeichnungsfilter auf Baby-Frische getrimmten, sich so grauenvoll ähnlich sehenden Playmate-Fleischtöpfe auf den Titelseiten von zahllosen Lifestyle-Heftchen und TV-Illustrierten. (Wenn sich demnach die Lara aus Anniversary oder Underworld äußerlich immer model-realistischer über den Monitor tippelt, wird sie genau so unwirklich wie diese absolut nichtssagenden Schablonen, die uns permanent in den visuellen Medien als das wahre Bild von Weiblichkeit ins Hirn gehämmert werden! Und ob das im Sinne des Erfinders war, mag zumindest mal zart bezweifelt werden dürfen.)

Es war also einmal …
… eine Lara mit Ecken und Kanten als Materialisierung einer ziemlich runden Spielidee: In diesem ersten Tomb Raider Spiel von 1994 war im Grunde so ziemlich alles perfekt, die Bewegungen (trotz aller Holprigkeiten), die Perspektive des Spielers, die Hintergrundgeschichte, Rätsel, Spannung, Atmosphäre, eben alles. Und was an Grafik fehlte, rundete die Fantasie der Spieler entsprechend ab. Fanatische Fantasien oder Fans mit Fantasie…

Dennoch: Zeitgemäß sind diese ersten Teile heutzutage natürlich nicht mehr… und lassen sich folglich wohl auch nicht mehr profitabel vermarkten. Nach dem Motto: Ein neues Tomb Raider, eine neue Lara für eine neue Generation. Und die will perfekte Grafik (und vielleicht auch die eigene Fantasie nicht wirklich zu arg strapazieren). Schön. Damit ist dann aber auch das Dilemma komplett…

Machen wir uns nichts vor. Schon jetzt zieht sich ein tiefer Riss mitten durch die Tomb Raider “Communities”, oder anders formuliert und ohne Anführungszeichen: durch die verschiedenen Altersgruppen angehörenden Menschen, die aus welchen Gründen auch immer gerne eine virtuelle Figur namens Lara Croft durch die Kulissen ruckeln lassen. Der eine Teil favorisiert Tomb Raider 1 bis 5 und vielleicht auch noch Angel of Darkness, der andere Teil Tomb Raider 7 und 8 und vielleicht auch schon Angel of Darkness. Und die Lücke zwischen den beiden Fraktionen klafft immer weiter auseinander, wobei dies meines Erachtens weniger mit einem Konflikt zwischen so genannten Konservativen und Innovativen zu tun hat, sondern mit der Auseinandersetzung um die Spielidee, die dahinter schwelt und um die sich die Macher und Vermarkter von Tomb Raider seit Jahren kaum noch zu kümmern scheinen – trotz aller auch jetzt wieder um TR 9 entfesselten Lippenbekenntnisse.

Denn es waren einmal und sind es noch immer: die Spieler… vielfältig wie eine Sommerwiese, bevor pietätlose Milchviecher darüber getrabt sind. Das reicht von solchen, für die Lara ein Idol und das Spiel nur Zugabe darstellt, bis hin zu solchen, denen es völlig wurscht ist, ob Lara nun ein attraktives Frauenzimmer oder ein Sparpixelchen ist, solange das Spielkonzept stimmt, und die notfalls auch mit Guido Westerwelle durch Dschungelgräber tigern würden, solange nur die Rätsel anspruchsvoll genug sind.

Lara-Fans gehören ja wie alle anderen Fans nun auch zu einer sonderbaren Unterspezies des homo sapiens und die machen ja im Allgemeinen allen Unsinn mit – und darauf baute das Marketing-Konzept von Eidos bisher ganz offensichtlich. Wegen eines Spiels von nicht mal 10 Stunden rüsten Fans für viel Geld ihre Hardware auf – ein altes Spiel mit dem Irrsinn, das manche irrsinnig reich gemacht hat! Was dann demnächst mit TR 9 kommt, sei dahingestellt. Fan kommt von Fanatismus (also Besessenheit, Überschwänglichkeit im Sinne von: zu einem gewissen Maß der Wirklichkeit enthoben…) und eben nicht von Fantasie….

Was dann die Fantasie innerhalb des Fanatischen in Sachen Tomb Raider hervorbringt, kann dagegen weltweit in einschlägigen Foren, Projekten und kreativen Aktivitäten von Datenbanken für Levelbauer bis hin zu Web-Publikationen wie die New Tribune (ein bisschen Eigenwerbung darf ja wohl gestattet sein :hehe: ) bestaunt werden. Und wie unter den nicht ganz so fanatischen Fans immer mal wieder Kritik laut wird an der Hightech-Lara und an der Demontage der einstigen Spielidee, mag vielleicht tröstlich stimmen, auch wenn kaum wahrscheinlich ist, dass dies wirklich etwas aufhält. Bleibt dann nur die Totalverweigerung, eine Konsolen-Hochglanz-Lara wie James Bond durch die Jetset-Ziele des Planeten zu scheuchen?

Begnügen wir uns vorerst mit der tröstlichen wie konservativen Feststellung, dass die “alte” TR1-Lara ja auch heute noch überaus aktiv ist – nämlich in vielen wunderbaren Custom-Leveln. Dass die sogenannten Oldies darunter immer noch auf großes Interesse treffen, zeigen die Download-Zahlen und auch Aktionen wie Mission: Revisited. Dank neuer Technologien und aus anderen Videospielen kopierten Bewegungen, die Lara wohl bald wie ein Eichhörnchen an Baumstämmen hüpfen und zwischen Wolkenkratzern hoch und runter flitzen lassen, wird sich aber vermutlich auch in diesem Bereich das ursprüngliche Spielkonzept noch weiter verändern. Muss es wohl auch. Oder auch nicht. Fragt sich nur wohin. Hoffentlich nicht dahin, dass es irgendwann heißt:

Tomb Raider… es war einmal.

Aktionen

Informationen

7 Antworten zu “Tomb Raider – Fans und Fantasien”

18 06 2009
Soul (16:21:19) :

Musst den Satz 3 mal lesen…Genial :thumbup: . Bloß sollte es “Gaußschem” heißen. Kann mich aber auch irren.

–> Es wurde aber zugleich auch die prüdere Spielerschaft bedient, denn jene Fantasiefigur ist kaum weniger stilisiert wie die Venus von Milo und eignet sich nicht wirklich als Ersatz für die mit Gaußchem Weichzeichnungsfilter auf Baby-Frische getrimmten, sich so grauenvoll ähnlich sehenden Playmate-Fleischtöpfe auf den Titelseiten von zahllosen Lifestyle-Heftchen und TV-Illustrierten. <–

Doch ich persönlich kann dir da nicht ganz rechtgeben. Ich mag die alte lara genauso, wie die neue und hab so ziemlich jedes Spiel genossen, genauso wie ich jetzt noch C-Levels genieße, dank denen die alte Lara wohl doch noch lange überleben wird.
Dass die Anforderungen für underworld gestiegen sind ist wohl logisch, da die gesamte Spieleindustrie auf großartige Grafiken setzt. Hätt man auf die eingefleischten Larafans gehört wäre es wohl viel schwerer und länger geworden aber dann hätten sich womöglich andere Spieler aufgeregt. Die Underworld lara hat wohl fans gewonnen und verloren, wie es auch bei vielen anderen Spielen der Fall ist.

18 06 2009
Minerva (23:56:31) :

Toller Artikel!! Super geschrieben und ein hochinteressantes Thema. Gibt meinerseits auf jeden Fall einen Backlink.

LG,
Minerva

19 06 2009
Tom (10:48:33) :

Die vielen Customlevel zeigen doch, dass ein gutes Spiel eben nicht immer die neuesten Effekte und HighEnd-Hardware braucht. Was nutzen die schönsten Schattenwürfe, wenn die Story dünn oder zu kurz? Keine Frage, Spiele werden immer realistischer, und das ist auch gut so. Ich hoffe, ich erlebe das erste Holodeck noch! :mrgreen: Aber ich spiele die alten genauso gern wie die neuen. Nur öfter. Die Customlevel sind allein durch ihre Anzahl viel abwechslungsreicher als es die offiziellen Titel je sein können.

19 06 2009
agnes (15:21:51) :

Genial toller Artikel und professionel gut geschrieben :thumbup: , danke !

19 06 2009
perry48 (18:44:29) :

Zähle mich wohl auch zu der ersten TR Spieler Generation, guter Artikel… :smile:
Etwas sollte berichtigt werden, TR wurde wohl von Toby Gard 1994 erfunden, aber das erste Spiel erschien 1996….

CU perry48

21 06 2009
Sue-Ellen (19:22:52) :

Vielen Dank quetzalcoatl für diesen exzellenten Artikel :thumbup:

21 06 2009
quetzalcoatl (23:31:12) :

Dank Euch für Eure Kommentare. Es freut mich sehr, wenn Euch der Artikel gefällt. :smile:
Und perry hat natürlich Recht: TR 1 erschien 1996! Weiß auch nicht, was ich immer mit diesem 1994 hab’… :whistling:

Hinterlasse einen Kommentar

Du kannst folgende Tags benutzen : <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>